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Nahtschatten

Die Abschlussshow der Kollegklasse der Modeschule Michelbeuern war kein Diplom, sie war ein Manifest. Lest hier den Gastbeitrag von Bogdan Dzhafarov.

Es gibt Abschlussshows, bei denen man vor allem sieht, was die Studierenden gelernt haben. Und es gibt solche, bei denen man sieht, wer sie sind. Nahtschatten, die diesjährige Präsentation des Kollegs Abschlussjahr der Modeschule Michelbeuern, gehörte klar zur zweiten Kategorie. Was an diesem Abend auf die Bühne kam, war weniger ein Rückblick auf die handwerkliche Ausbildung als ein Einblick in Weltbilder: in das, was junge Designer*innen antreibt, was sie beschäftigt, was sie wütend macht oder berührt.

Das Thema des Abends war nicht Mode. Es war Bedeutung.

„Die stärksten Kollektionen der Show transportierten keine Botschaft – sie waren selbst eine“

Daniel Park und seine Art von Minimalismus

Daniel Park - Kontinentaldrift

Unter den herausragenden Positionen des Abends war Daniel Parks Kontinentaldrift eine, die durch Zurückhaltung imponierte. Seine Kollektion demonstrierte, was passiert, wenn ein junger Designer dem Impuls widersteht, zu viel zu sagen: Klassische Silhouetten, reduzierte Farbgebung, Details, die man zweimal ansehen musste, um sie zu bemerken und genau darin lag ihre Wirkung. Jedes Element existierte mit Absicht, nichts war dekorativ. Diese Art von Minimalismus ist schwieriger, als es aussieht, er verlangt vollständige Klarheit über das, was man ausdrücken möchte, weil es keinen visuellen Lärm gibt, hinter dem man sich verstecken könnte.

Auf der anderen Seite des Spektrums stand Benjamin Maderhammers Gesichtslos, eine Kollektion, die das Gegenteil anstrebte: Intensität, Überzeichnung, eine fast beklemmende Bildsprache, die gesellschaftliche Kritik direkt in Silhouette und Inszenierung übersetzte. Extravaganz als Aussage, nicht als Dekoration. Wo Park durch Reduktion sprach, drückte sich Maderhammer durch Form aus: und beide hatten recht.

Lara Handler und die seltene Balance

Lara Handler - Forma Fluida

Was Lara Handlers Forma Fluida von vielen anderen konzeptuellen Kollektionen unterschied, war die Verweigerung der üblichen Dichotomie: tragbar oder interessant, Alltag oder Couture. Ihre Stücke schienen beides ohne Kompromiss zu wollen, und erstaunlicherweise gelang es ihr. Designs mit einer klaren visuellen Identität, die trotzdem einladend wirkten und die den/die Betrachter*in nicht auf Distanz hielten, sondern ansprachen. Diese Balance gelingt selten, und wenn, dann meist über viele Jahre des Schaffens. Dass sie einem Abschlussjahrgang gelingt, ist bemerkenswert.

“Forma Fluida zeigte, was Mode kann, wenn sie sich entscheidet, gleichzeitig für sich selbst und für andere da zu sein.”

Gesellschaftlicher Druck in Brautkleidern gelesen

Anna Reifer - Weight of a Promise

Anna Reifers Weight of a Promise bewegte sich im Feld zwischen Bridal Wear und Couture - ein Territorium, das leicht in romantische Klischees abdriften kann, es aber bei Reifer nicht tat. Die überzeichneten Formen und schweren Silhouetten lasen sich als Kommentar über gesellschaftliche Erwartungen an Frauen und Hochzeiten, über das Versprechen als Last, als etwas, das man buchstäblich zu tragen hat. Die Looks wirkten dramatisch und elegant und erdrückend, und das gleichzeitig. Genau diese Mehrschichtigkeit machte sie stark. Wer die Referenz verstand, sah eine Kritik. Wer sie nicht verstand, sah außergewöhnliche Kleider. Beides war richtig.

Was Nahtschatten als Ganzes sagte

Die Abschlussklasse insgesamt zeigte eine Vielfalt, die nicht aufgesetzt wirkte: keine kuratierten Gegensätze für den dramaturgischen Effekt, sondern echte, unterschiedliche Weltanschauungen, die nebeneinander existierten. Identität, Erinnerung, Femininität, Zugehörigkeit, Bewegung: Themen, die durch die verschiedenen Kollektionen zogen, ohne dass eine einheitliche Linie erzwungen wurde. Das machte Nahtschatten zu etwas Seltenem: einer Gruppenshow, die kollektiv war, ohne kollektivistisch zu sein.

Mode ist ein Medium, das in der Ausbildung oft auf Technik reduziert wird - auf Schnittkonstruktion, Materialverarbeitung, Trendlektüre. Was Abschlussshows wie Nahtschatten zeigen, ist das Gegenteil dieser Reduktion: dass das Eigentliche nicht das Können ist, sondern die Entscheidung darüber, wofür man es einsetzt. Ob diese jungen Designer*innen diese Klarheit in ihren weiteren Karrieren behalten, das ist die eigentlich offene Frage des Abends.

Über den Autor: 
Bogdan Dzhafarov ist Absolvent der Modeschule Michelbeuern und heute Journalist, Stylist sowie Content Creator. 

Hier können Sie das Lookbook 2026 "Nahtschatten" downloaden.

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